Fluch der Privatisierung – Öffentliche Wasserversorgung in Dar es Salaam will alte Fehler korrigieren

Steter Zugang zu sauberem Wasser ist für drei Viertel der Menschen in Daressalam ein Traum. Jetzt versuchen die Behörden in Tansania, alte Fehler zu korrigieren.

Fließendes Leitungswasser wäre für viele Menschen in Tansania der Himmel auf Erden. Landesweit sind nach UN-Angaben wenig mehr als 60 Prozent der Bevölkerung versorgt, in der Wirtschaftsmetropole Daressalam sind es keine Million der insgesamt vier Millionen Einwohner. Teuer kommt das vor allem die Armen zu stehen.

»Ich mache gute Geschäfte. Schließlich braucht jeder Wasser«, sagt der Wasserverkäufer Juma Membe, der täglich mit einem Handkarren voller Kanister mit dem lebensnotwendigen Naß durch die Armenviertel der Großstadt zieht. Um die 16 US-Cent nimmt er für 20 Liter Wasser, wesentlich mehr als der öffentliche Versorger DAWASCO. Der berechnet seinen Kunden für die gleiche Menge aus dem Hahn weniger als einen Cent. Wer keinen Wasseranschluß hat, lebt folglich deutlich kostspieliger als die Menschen in den reichen Vierteln von Daressalam. Bei einem Prokopfverbrauch von 20 Liter am Tag kommt ein Fünfpersonenhaushalt in einer der Elendsgegenden der Stadt schnell auf 80 Cent. Das ist ein kleines Vermögen in Tansania, wo ein Drittel der insgesamt 38 Millionen Einwohner des ostafrikanischen Staates von weniger als einem US-Dollar am Tag leben muß.

In Daressalam sind Jahre der Vernachlässigung, eine rasant zunehmende Einwohnerzahl und eine kapitale Fehlentscheidung von 2003 für die desolate Wasserversorgung verantwortlich. Auf Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) wurde in jenem Jahr die Wasserversorgung der Stadt privatisiert. Ein Konsortium namens »City Water« übernahm den öffentlichen Dienst, aber schon nach zwei Jahren wurde der Vertrag gekündigt. Es hatten sich in dieser Zeit keinerlei Verbesserungen eingestellt, weder Versorgungsengpässe noch die Gebührenerhebung oder der Wasserklau waren aus der Welt geschafft.

Das Konsortium rechtfertigte die negative Bilanz mit dem Hinweis, es sei über den wahren Zustand des Wassersystems nicht informiert gewesen. Mehrere Tribunale befaßten sich mit dem Streit, zuletzt wurde der tansanischen Regierung Schadensersatz in Höhe von sechs Millionen US-Dollar zugesprochen.

Jetzt ist es an der staatlichen DAWASCO, das Ruder herumzureißen. Auch diese für Wasser- und Abwasser zuständige Behörde beklagt Widrigkeiten, kann aber innovative Ideen und erste Erfolge vorweisen. Nach Angaben von DAWASCO-Sprecherin Badra Masoud ist das größte Problem, daß in Daressalam nur jeder Zehnte seine Wasserrechnung bezahlt. Zahlungsunwilligen Kunden rückt DAWASCO jetzt mit Schuldeneintreibern auf die Pelle und macht ihre Namen öffentlich. Bisweilen werden auch Journalisten mitgenommen, wenn Ministern, Regierungsstellen und militärischen Einrichtungen das Wasser abgedreht wird. Viele sind mit ihren Zahlungen Monate, wenn nicht Jahre im Rückstand.

Eine weitere Maßnahme zur Hebung der Zahlungsmoral sind Lautsprecherwagen, die durch die Metropole fahren und an die Begleichung der Wasserrechnung erinnern. Im Januar konnte DAWASCO Einnahmen in Höhe von 1,8 Millionen Dollar melden – ein Rekordergebnis.
Bewährt haben sich auch sogenannte Wasserkioske, eine weitere relativ neue Einrichtung für Gegenden ohne Anschluß an das Leitungssystem. Zur Zeit gibt es einige Dutzend dieser Verkaufsstellen, Hunderte weitere sind geplant.

Melania Leba betreibt einen der Kioske im Auftrag der DAWASCO. 20Liter Wasser kosten bei ihr nur vier Cent und sind damit entscheidend billiger als die Kanister der fliegenden Händler. »Ich habe eine Wasserrechnung von etwa 26 Dollar im Monat und verdiene noch einmal die gleiche Summe«, sagt Leba. Ihre Kunden seien zufrieden, die anderen Händler seien ihnen immer zu teuer gewesen. Auch Havijawa Shabani ist in das Wasserkioskgeschäft eingestiegen. »Eigentlich bezahlt jeder«, sagt sie. Ihr Wasser sei einfach besser als alles, was ihre Kunden vorher kannten. Wenn einer mal nicht zahlen könne, gebe sie aber auch Kredit.

Quelle: Junge Welt vom 31.05.2008, http://www.jungewelt.de/2008/05-31/028.php

von - 31. Mai. 2008 - Kategorie: Freihandel


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