Armut und Reichtum in Tansania

Die tansanische Wochenzeitung “The Express” berichtet in ihrer Online-Ausgabe vom 11.-17.8.2008 von der wachsenden Armut im Land und der Gefahr eines Bürgerkrieges, der von der desolaten Situation ausgehe:

“Die grösser werdende Armut in Tansania ist eine Zeitbombe, die alle Bestandteile eines Klassenkrieges enthält und die jederzeit hochgehen kann, wie Beobachter diese Woche gewarnt haben. Alle Beobachter stimmen darin überein, dass sich die Situation der Armut seit 2005 verschlechtert hat, als die gegenwärtige Regierung mit grosser Zustimmung an die Macht kam.

„Alles kann passieren,“ sagte Dr. Seng’ondo Mvungi, Dozent für Recht an der Universität von Dar es Salaam. „Ich kann nicht ausschliessen, dass ein charismatischer Grössenwahnsinnger kommt, der die Menschen zu fanatischem Enthusiasmus verführt und das Land übernimmt. Er wies auf Deutschland hin, wo Adolf Hitler an Einfluss gewann, als die Deutschen verzweifelt waren. Mit rassistischer Volksverhetzung erreichte er ihre Zustimmung und übernahm die Macht. Diese Macht hat er durch Wahlen gewonnen, und nicht indem er jemanden stürzen musste.

Tansania befindet sich im aktuellen Human Development Index (HDI) auf Platz 159 von 177 gemessenen Ländern – hinter Kenia (148), Uganda (154) und Eritrea (157) dem Kriegskind Afrikas. Der HDI basiert auf einer kombinierten Messung, die drei Faktoren einbezieht: Lebenserwartung, Schulbildung und Kaufkraft.

[...] Joseph Mbatia, Vorsitzender des NCCR-Mageuzi, sagte: „Wir können nicht mehr sicher sein. Die Menschen sind verzweifelt und auf alles gefasst. Sie können sich jederzeit bewaffneten Kräften anschliessen und sich zu einer Revolte entschliessen.“

Mbatia, der den status quo im Land als „gefährlich“ und „ernst“ bezeichnete, wies darauf hin, dass es alle Anzeichen für eine Rebellion gebe, die in nächster Zeit ausbrechen könne. Er warnte, dass eine Rebellion in Tansania sogar schlimmer sein könnte als die in Somalia. Als Grund nannte er, dass Somalia verglichen mit Tansania in Bezug auf Religions-, Stammes- und Klassenzugehörigkeit relativ homogen ist. Gemäss UNCTAD ist Tansania mit seinen 120 Stämmen zusammengesetzt aus 35% Christen, 30% Moslems und 35% anderen.

Mbatia sagte: „Wir werden bald einen typischen Klassenkampf haben. Es wird ein finsterer Kampf des Proletariats – der armen Massen – gegen die Reichen oder die Bourgeoisie sein. In Tansania gibt es eine krasse Aufteilung in reiche Grossindustrielle, Machteliten, arme Landbevölkerung und Arbeiterklasse und immer mehr Angestellte.

Mbatia sagte, dass die gegenwärtige Armut eine Rezeptur für Terrorismus sei. Er wies darauf hin, dass die Kluft zwischen der armen Mehrheit und der reichen Minderheit unerträglich gross sei. „Was passieren wird, ist, dass die arme Mehrheit erkennen wird, dass ihnen ihre Rechte verweigert wurden, sie werden sich erheben und versuchen den wenigen Reichen ihren Reichtum zu entreissen“, sagte er.

Gemäss Dr. Mvungi gibt es vier Gründe für die gegenwärtige Armut. Der erste besteht im Anstieg der Preise für grundlegende Güter und für Benzin. Der zweite sind die hohen Stromkosten im Land, die durch die hohen Tarife für die Mengenberechnung in den Verträgen verursacht sind. Der dritte Grund ist die Politik der regierenden CCM, die die Privatisierung willig vollzieht. Er merkte an, dass unbesonnene Privatisierung die Möglichkeit der gewöhnlichen Leute verringere, die Produktionsmittel zu besitzen. „Nicht dass ich per se gegen Privatisierung bin“, sagte er. Der vierte Grund ist die Politik des Landes, die den Handel auf Kosten der Produktion bevorzugt.

„Die Menschen sind verzweifelt, „ sagt Dr. Mvungi. „Ihnen wurde von Präsident Kikwete ein ordentliches Leben versprochen. Sie hatten grosse Erwartungen und glaubten, dass er die Wahrheit sagt und erwarteten, dass er Lösungen für die Armut findet. Aber jetzt sehen sie kein Zeichen der Hoffnung.“
Diese Warnungen spiegeln ähnliche Ansichten wiede, die der angesehene Staatsrechtler Prof. Issa Shivji äussert. Er warnt, dass das Land am Rande eines Bürgerkrieges stehe, aufgrund des grossen Gefälles in der Lebensqualität.

Am 23. Mai erklärte Prof. Shivji vor dem „Editors Forum“ in Dar es Salaam, dass die Armut ein Rezept für die Katastrophe sei, dass die Armen nicht nur verzweifelt seinen, sondern auch böse, und dass das, was in anderen Ländern geschehe, auch Tansania passieren könne.

Zufälligerweise – oder prophetischerweise – ist Prof. Shivji der Autor des 1976 erschienen Buches „Klassenkampf in Tansania“, das von Eiferern in den sozialistischen Kreisen als irrig bezeichnet wurde, weil sie Tansania für eine „klassenlose Gesellschaft“ hielten, für eine symbiotische Allianz von Arbeitern und Bauern.”

Quelle: Fred Okumu: Rich richer, poor poorer, in: The Express, Issue #398 vom 11.-17.8.2008 (Übersetzung ev)

von - 12. Aug. 2008 - Kategorie: Politik, Tansania


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