Finanzkrise: Afrika fürchtet Wachstumseinbruch

Markt in Arusha

Die OECD fürchtet den Rückgang der Entwicklungshilfe: Die Finanzkrise könnte die ärmsten Staaten an mehreren Fronten treffen
Schlagzeilen machen die Abstürze an den Börsen in New York, Tokio und Frankfurt. Aber die Finanzkrise trifft inzwischen nicht nur Industriestaaten: Die Börsen brachen auch in Nigeria und Kenia ein. Hohe Verluste gab es auch in Süd- und Lateinamerika. „Die Geldflüsse versiegen“, sagt Razia Khan, der Chef der Afrika-Gruppe bei der Standard-Chartered-Bank in London. Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet gar mit einem Rückgang der Kapitalflüsse um 25 Prozent in Entwicklungsländer. „Die Anleger suchen Sicherheit. Und die finden sie an erster Stelle nicht in der Dritten Welt“, sagt ein österreichischer Analyst.

Das Problem sind aber weniger die Finanzmärkte: „Afrikanische Geldinstitute haben im globalen Bankenkasino ohnehin nie mitgespielt“, meint Dirk Messner, Leiter des deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Messner warnt aber vor einem Einbruch des Wirtschaftswachstums im Süden. In den vergangenen fünf Jahren kamen aus Afrika beachtliche Erfolgsmeldungen: 20 bis 25 Staaten wuchsen durchschnittlich um sechs Prozent. Der Zuwachs basierte auf Exportsteigerungen in Industrieländer. „Brechen nun die Rohstoffpreise ein und sackt die Konjunktur ab, ist es damit vorbei“, sagt Messner.

Hinzu kommt, dass die Banken sich untereinander kaum noch Geld leihen, weil sie um ihre Zahlungsfähigkeit fürchten. „Da werden die ärmsten Staaten aber erst recht nichts bekommen“.

Damit wird die Finanzkrise auch zum Thema der Entwicklungspolitik. Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Weltbank in Washington: Die Bedeutung der Bank könnte durch die Krise steigen. Die Weltbank steht im Eigentum ihrer Mitgliedsstaaten, gehört also mehrheitlich den Industrienationen. Sie borgt an Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen Kapital zu günstigeren Konditionen.

„Vor der Finanzkrise hieß es noch: Wozu brauchen wir die Weltbank? Das erledigen ohnehin die privaten Banken. Nun sieht das ganz anders aus“, sagt ein österreichischer Finanzexperte. Weil die Bank im öffentlichen Eigentum steht und ihr Hochrisikogeschäfte untersagt sind, gilt sie als krisenfest. Am kommenden Wochenende tagt der Gouverneursrat der Bank. Dabei wird auch erwartet, dass das Geldinstitut sich bereiterklärt, zusätzliche Kredite zu vergeben, um den Kapitalfluss in den Süden nicht versiegen zu lassen. „Den Schaden wettmachen kann das aber nicht“, sagt Entwicklungsforscher Messner. Die Bank werde den Rückgang an Privatinvestitionen nicht voll kompensieren können.

Ganz andere Überlegungen zur Finanzkrise macht man sich in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Die OECD befürchtet, die Industrienationen könnten ihre Entwicklungshilfe einfrieren. „In Zeiten wie diesen ist es kaum vorstellbar, dass ein Entwicklungsminister zu seinem Finanzminister geht und sagt: Wir müssen das Budget für die Entwicklungshilfe verdoppeln“, meint Brian Hammond von der OECD.

2009 wird sich nichts ändern, weil die Budgets für das kommende Jahr bereits veranschlagt sind. Aber 2010. Die OECD sieht internationale Vereinbarungen über den Ausbau der Hilfe, etwa im Rahmen der EU, als gefährdet. Große Geber wie die Skandinavier dürften eher Wort halten als kleine, wie Italien, Irland und Österreich, heißt es.

Bleibt eine positive Nachricht unter all den tristen Meinungen: Während die Entwicklungsländer die Krise spüren, sie aber kaum beeinflussen können, sieht das im Falle Chinas anders aus. China hält 1800 Milliarden US-Dollar an Devisenreserven, hat also Einfluss auf den Finanzmärkten. „China kann in der Krise zu dem Stabilisierungsfaktor werden“, meint daher Entwicklungsforscher Messner.

Quelle: http://derstandard.at/?url=/?id=1220460219609 (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.10.2008)

von - 15. Okt. 2008 - Kategorie: Entwicklungspolitik