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Blick auf den Viktoriasee bei Musoma.

In den letzten Wochen, oder sagen wir besser Monaten, haben wir unsere Homepage sträflich vernachlässigt. Nicht dass die Routine unseres täglichen Lebens uns keine Themen zu schreiben mehr gibt, Themen gibt es zu genüge. Es ist eher so, dass zu viel passiert, als dass wir die Musse haben, es zu Papier zu bringen. Schreibe ich am Abend nicht sofort auf, was ich an diesem Tag erlebt habe, bringt der nächste Tag Neues, und der Tag vorher verblasst.

Mitte Mai waren wir für eine Woche in Musoma, eine kleine Stadt im Norden Tansanias am wunderschönen Victoriasee, in einem Jahrestreffen der Interteam-Fachleute, die in Tansania arbeiten. Es war toll, alle Kollegen wieder zu sehen und unsere Diskussionen und der Austausch über unsere Arbeit und unser Leben hier, war sehr anregend. Es hat uns auch gezeigt, wie schwierig manche Einsätze sind. Nicht alle haben das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Nicht alle haben die Möglichkeit, überhaupt etwas zu tun. Ich würde sagen, der Einsatz steht oder fällt mit der tansanischen Partnerorganisation, sind in dieser einige aktive, engagierte Menschen, denen das Leben der anderen nicht egal ist, dann kann man einiges bewirken.

Mapacha – Zwillinge

Zurück von Musoma, mit dem üblichen Tag Zwischenhalt in Dar es Salaam, hatte uns die Arbeit schnell wieder. Eines Morgens bat mich die Ärztin der Kinderstation bei der Ernährung von Zwillinge, auf Kiswahili „mapacha“, zu helfen. Die Mutter hat geisteskrank ihre Kinder bei der Grossmutter gelassen und ist seitdem vermisst. Die Grossmutter, knapp über 50 Jahre alt, lebt mit ihrem Mann in einem Dorf hier in der Nähe von der Hand in den Mund. Beide ungefähr 18 Monate alten Kinder hatten schwere Unterernährung, ein Kind war sehr dünn, das andere hatte Oedeme, Schwellungen der Füsse und Hände, des Gesichts. Man nennt diese Erkrankung Kwashiokor. Ungefähr 6 Wochen lang habe ich die Schwesternschüler bei der Ernährung dieser Kinder angeleitet. Alle drei Stunden müssen solche Kinder mit einer speziellen Milch, F-75, gefüttert werden, bis ihr Stoffwechsel sich erholt hat, die Leber wieder richtig funktioniert und die Kinder wieder genug Energie zum leben haben. Unterernährte Kinder weinen nicht, sie lachen nicht, sie bewegen sich nicht und reagieren kaum, wenn man versucht, zu ihnen Kontakt aufzunehmen.

Doto, auf Kiswahili der ältere der Zwillinge, leidete an  Kwashiokor. Er konnte sich von seiner Unterernährung nicht erholen.

Doto, auf Kiswahili der ältere der Zwillinge, leidete an Kwashiokor. Er konnte sich von seiner Unterernährung nicht erholen.

Nach ein paar Tagen, als ich gesehen habe, das die Kommunikation auf der Station zwischen den einzelnen Schichten kaum stattfindet, und immer wieder vergessen wurde, die Kinder zu füttern, habe ich beschlossen, jeden Tag bei jeder Schicht mindestens einmal vorbei zu gehen. So habe ich über mehrere Wochen einmal morgens, einmal nachmittags und einmal während der Nacht die Kinderstation besucht. Jedesmal kontrolliert, wie es den Kindern geht. Ich habe unglaublich viele Fehler in der Behandlung dieser Kinder gesehen. Dann habe ich begonnen, die Fieberkarte zu kontrollieren, die Gabe der Medikamente, die Herstellung der Milch, ob genügend Milchpulver aus dem Lager fürs Wochenende geholt wurde, ob der Grossmutter Windeln für die Kinder gegeben wurde… Immer habe ich die diensthabenden Schüler um das Bett versammelt, Symptome erklärt und die Behandlung. Dreimal am Tag. Einige Herzen konnte ich gewinnen, ein paar graduierte Schwestern habe ich beim gemütlichen „im-Schwesternzimmer-sitzen“ gestört.

Am Morgen nach unserer Rückkehr von einer Woche Ferien, die wir uns Mitte Juni genommen haben, weil Emmas „Sommer“ferien begannen, ist der ältere der beiden, Doto, nach einer kalten Nacht gestorben. Die Grossmutter mit dem jüngeren Zwilling wurde noch am gleichen Tag entlassen. Sie sind in ihr Dorf zurückgekehrt.

von - 14. Jul. 2010 - Kategorie: Alltag in Ndanda, Tagebuch