Kindheit in Tanzania

zwei Schüler des zweiten Ausbildungsjahres

zwei Schüler des zweiten Ausbildungsjahres

Heute hat mich einer meiner Schüler gefragt, ob er am Nachmittag bei uns vorbeikommen kann. Er würde gerne mit mir etwas besprechen.

Diesen Schüler habe ich sehr gerne. Er hat mir einmal gesagt, dass ihm aufgefallen sei, dass Emma soviel Liebe bekommen würde. Deswegen sei sie so unbekümmert. Das Dormitory der männlichen Schüler liegt genau gegenüber unserer Wohnung und da sie meist draussen sitzen, bekommen sie viel mit, was bei uns so läuft.

Der Schüler hat, seitdem er zehn Jahre alt war, nicht bei seinen Eltern gewohnt. Sein Vater hat getrunken und war jähzornig, so dass der kleine Junge viel Angst hatte und immer geweint hat. Die Familie entschied den Jungen in die Familie des Onkels zu geben, der weit von hier in den Bergen wohnt. Dies ist für tanzanische Verhältnisse nicht aussergewöhnlich. Immer wieder hören wir von Kindern, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen, mal ein paar Jahre da, ein paar Jahre dort leben. Die Gründe sind dafür verschieden, mal haben die leiblichen Eltern keine Zeit für die Kinder, weil sie noch eine Ausbildung machen. Oder sie haben zuwenig Geld, um die Kinder durchzubringen. Oder sie sind krank. Oder sie sind gestorben. Manchmal wohnt ein Kind bei Verwandten, um in diesem Ort in die Schule zu gehen.

Mein Schüler hat einige Jahre bei seinem Onkel gelebt. Auch diese Jahre waren für ihn hart. Die Frau seines Onkels wollte ihn gar nicht unterstützen, weil sie ihre eigenen Kinder hatte und eigene Verwandte. Er bekam wenig zu essen und kein Geld, um sich in der Schule etwas zum Mittagessen zu kaufen. Nach Abschluss der Sekundarschule holten seine Eltern ihn deswegen wieder zurück. Er machte die Aufnahmeprüfung für die Krankenpflegeschule und lebt seitdem bei uns im Internat. Es war sein Plan, nach seiner Ausbildung für ein paar Jahre ins Dorf seiner Eltern zu ziehen und die Beziehung zu ihnen wieder in Ordnung zu bringen. Er kennt auch seine Geschwister kaum, und viele Verwandte würde er auf der Strasse nicht erkennen. Leider ist nun vor vier Wochen sein Vater an Malaria gestorben…

Die Familie ist durch den Tod des Vaters, der Primarlehrer war und in den letzten Jahren aufgehört hatte zu trinken, in grossen Schwierigkeiten. Drei Kinder befinden sich in einer Ausbildung, für die Schulgeld gezahlt werden muss. Andere Kinder aus anderen Familien, die bei ihnen leben, müssen jetzt in ihre Ursprungsfamilie zurückgeschickt werden. Mein Schüler muss nun 150 000 Schilling (150 Franken) Schulgeld auftreiben, damit er die Ausbildung beenden kann. Er wollte mit mir heute besprechen, wie er dabei am besten vorgehen könnte.

von - 23. Mrz. 2010 - Kategorie: Tagebuch