Tollwut

Unsere Tage in Ndanda sind gefüllt mit vielen Eindrücken, die zu verarbeiten manchmal schwer ist. Davon zu berichten ist nicht einfach, da immer etwas auf der Strecke bleibt und das gezeichnete Bild nicht vollständig ist. Heute war ein beispielhafter Tag.

Er began für mich mit zwei Unterrichtsstunden zum Thema Blutgruppen. Erst vor ein paar Wochen habe ich gemerkt, dass in keiner Klasse das Thema „Aufbau und Funktion des Blutes“, wohl aber z.B. die Themen Blutarmut oder HIV unterrichtet wurden. Da muss ich mich nicht wundern, dass die Schüler nicht den Inhalt unserer Lektionen nicht verstehen, sondern nur auswendig gelerntes versuchen zu reproduzieren. Wenn die Grundlagen nicht gelegt sind, können kompliziertere Sachverhältnisse, die darauf aufbauen, nicht verstanden werden. Aufgefallen war es mir, als ich gebeten wurde, die Pathogenese von HIV zu unterrichten, in einer Klasse die noch nie etwas von dem Immunsystem gehört hat.

Heute hatte ich mir also Zeit genommen, im dritten Ausbildungsjahr ausführlich über Blutgruppen, das ABO-System und den Rhesus-Faktor zu sprechen. Wir können in unserem Spital Bluttransfusionen durchführen, und es ist wichtig, dass die Schüler hier keine Fehler machen. Ich habe auch die Schwierigkeiten erklärt, die eine Rhesus-negative Mutter in Schwangerschaften haben kann. Nachdem ich gestern Nacht im Internet nachgeschaut hatte, war ich der Meinung, fast alle „Afrikaner“ seien Rhesus-positiv. Vonwegen. Vier Rhesus-negative Schüler sassen in der Klasse, davon eine Frau. In Europa könnte ich ihr erklären, wie sie sich und ihr Baby bei Schwangerschaften schützen kann. Doch hier sind die erforderlichen Medikamente (Immunglobuline) nicht erhältlich.

In der Pause erhielten die Schüler die Nachricht, dass sie sich klassenweise auf der Frauenstation eine Patientin anschauen sollten. Ein ungefähr zwölf-jähriges Mädchen mit Tollwut. Ein eigentlich schon pensonierter klinischer Lehrer mit einer grossen Erfahrung erklärte am Patientenbett die Geschichte des Mädchens und demonstrierte das Hauptsymptom. Hydophobia – Angst vor Wasser. Dass Mädchen wälzte sich und schrie verzweifelt vor Angst, als ein Wasserkrug hereingebracht wurde. In diesem Stadium kann man dem Mädchen nicht mehr helfen. Sie wird sterben.

Aber vor fünf Wochen hätte man sie noch retten können. Sie wurde in einem Dorf hier in der Nähe von einem tollwütigen Hund gebissen. Da Tollwut eine lange Inkubationszeit hat, kann man den Menschen auch noch nach dem Biss impfen. Aber auch dieser Impfstoff ist nicht erhältlich. Ich fühle mich beschämt, dass unsere Familie in der Schweiz damit geimpft wurde. In der Schweiz, wo es keine Tollwut gibt, ist er erhältlich. Hier wo es Tollwut gibt, gibt es ihn nicht. Eine verkehrte Welt.

von - 6. Mrz. 2010 - Kategorie: Tagebuch